„In erster Linie ist der „Historische Roman“ ein Genre-Begriff, und von dessen gegenwärtiger Besetzung und Ausgestaltung auf dem Markt kann man halten, was man will.
Zu jeder diesbezüglich entwickelten Meinung – gut oder ablehnend – finden sich sattsam unterstützende Beispiele.
Für mich ist in meiner Arbeit das Entscheidende, dass ich glaube, jeder Roman ist in sich historisch, historisierend natürlich nicht.
Aber grundsätzlich geht es doch in allen Geschichten, die erzählt werden, um die Frage:
Wer darf seine Version der Wahrheit als gewesene Wirklichkeit darstellen? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus.
Ein Vorteil, den ein Autor gegenüber dem Historiker nutzen kann, ist, dass der Autor das Recht hat, eine hoffentlich emotional überzeugende Antwort auf diese Frage zu erfinden.
Je mehr der Autor den Leser mit seiner Version intuitiv bewegt, umso mehr wird der Leser dieser Version der Wahrheit den Vorzug vor der faktischen Realität geben. Viele LeserInnen sind enttäuscht, wenn sie sich nach der Lektüre eines Historischen Romans mit der geschichtlichen Datenlage beschäftigen und herausfinden, dass es nicht wirklich „so“ gewesen ist, wie der Autor es – überzeugend womöglich – gedichtet hat.
Geschichte als Wissenschaft befriedigt meiner Einschätzung nach, auch bei eben größtmöglich authentischer Auswertung der Faktenlage - nie unser Bedürfnis, zu erforschen, wo wir herkommen. Mythologie ist darin so entscheidend wie Genetik oder Soziologie. (Ich bekenne mich in voller Zustimmung zu Joseph Campbell!)
Denn auch die Frage nach dem Ursprung ist letzten Endes nur das Vorzimmer der weiteren Fragen:
Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Oder zumindest:
(Wie) Kommen wir da, wo wir hingehen, einigermaßen heil an?
Literatur, die sich mit diesen Fragen – direkt oder indirekt –beschäftigt, lese ich persönlich natürlich auch sehr gerne.“