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Viola Alvarez
»Die Nebel des Morgens«
Verbotene Erinnerungen des letzten Nibelungensohns
Zwei Außenseiter. Ein Mann und eine Frau, die mit einer verzehrenden, heimlichen Liebe verbunden sind. Ihre Leidenschaft bringt Leid, Untergang und Tod. Es geht um die Geschichte der Nibelungen. Viola Alvarez hat ihre Sagen-Trilogie beendet. Nach »Das Herz des Königs« (Tristan-Sage) und »Wer gab dir, Liebe, die Gewalt« (Geschichte um Walther von der Vogelweide) legt sie nun einen großen Nibelungenroman vor: »Die Nebel des Morgens. Verbotene Erinnerungen des letzten Nibelungensohns« gibt es nun im Buchhandel.
Der mündlich tradierte Sagenstoff, der nach internationalen Forschungen am Hof des kunstsinnigen Passauer Bischofs Wolfger von Erla als schriftliches Werk um 1200 in Auftrag gegeben wurde, ist heute das bekannteste mittelalterliche Epos der deutschen Literatur. Es wurde vielfach neu erzählt, verfilmt und als Musiktheater belebt. Viola Alvarez legt eine gut geschriebene, bilderreiche und spannende Version mit neuen Akzenten vor: So könnte es auch gewesen sein ...
In diesem historischen Roman mit viel Zeitkolorit werden die Figuren anders bewertet und die Handlungen psychologisch begründet. Während die Haupthandlungsstränge - das Leben am Hof in Worms, Siegfried als Drachentöter, Ankunft in Xanten und Liebe mit Kriemhild, die Eroberung der nordischen Brynhild, Doppelhochzeit, Frauenstreit vor der Kirche, Tod Siegfrieds bei der Jagd, Kriemhilds Hochzeit mit dem Hunnenkönig und Untergang der Nibelungen im Hunnenland - beibehalten werden, spannt die Autorin den Bogen sehr weit, indem sie fiktive Vorgeschichten entwirft. Die im westfälischen Lemgo geborene Viola Alvarez hat Germanistik und Skandinavistik studiert. »Ich sehe die Nibelungen nicht als primär mittelalterlichen Stoff, sondern als eine Mischung aus altnordischen Sagen und dem, was wir unter Mittelalter verstehen. Es sind Stoffe, die sehr viel früher spielen, das sieht man auch daran, wie sie sich im Rahmen der Christianisierung gewandelt haben«, sagt sie der PNP.
Deshalb bringt sie die Vorgeschichte von Brynhild und Hagen in einem sehr weitschweifigen Erzählbogen mit ein. Kernpunkt ihrer literarischen Erfindung ist die Aussage im mittelalterlichen Stoff, dass Hagen mehrfach als »Ritter der Königin« bezeichnet wird, aber nie gesagt wird, warum. »Diese unerklärte und unerklärliche Loyalität ist der Ansatz meiner Liebesgeschichte«, sagt die Autorin. Das große Liebespaar des Romans sind nicht, wie in der Sage und anderen Nibelungenromanen, der tapfere Siegfried und die schöne Kriemhild, sondern die unnahbare Königin Brynhild von Burgund und ihr Liebhaber Hagen von Tronje. Er ist ohne Zweifel die spannendste Figur in dem 699 Seiten dicken Roman. Er erfährt durch Alvarez eine völlige Neubewertung: Er ist zwar der Einäugige, der Heide und der Außenseiter, aber er ist der tapfere Krieger, der weitsichtige Held, der einzige Mensch, der unnachgiebig denStaatsgedanken und die Moral am verkommenen Burgunderhof vertritt. Dass ausgerechnet er, der die Treue zu seinem König Gunther über (fast) alles stellt, sich unrettbar an die vom König ungeliebte Gattin verloren hat, ist die menschliche Tragik der Figur. Ebenso, dass er trotzdem oder gerade deshalb mit Gunther und den Nibelungen dem sicheren Untergang im Hunnenland entgegenreitet. Die ehemals starke Walküre Brynhild, die von Siegfried und Gunther Vergewaltigte, Geschmähte und Betrogene will zunächst Hagen nur für ihre Fluchtpläne benutzen und schließlich durch ihn zu sich als Frau findet. Es ist eine leidenschaftliche, verbotene Liebe einer Königin und eines Ritters, die den menschlichen und eigentlich aufklärerischen Gegenpol zu einer sehr inhumanen Gesellschaft bildet.
So sind die beiden Außenseiter und Heiden diejenigen, die eine gleichberechtigte Liebesbeziehung führen, während die sonstige »Lichtgestalt« im Nibelungenlied, Siegfried, nur ein Frauenheld ist und Gunther ein Weichei. Beide benutzen sie Frauen nur, sind zur Liebe unfähig. Die »legalisierte Vergewaltigung«, das rechtlose Leben der Frauen auf der mittelalterlichen Burg - das alles ist auch Thema des Romans. Die Handlung spielt in Worms und im Hunnenland. Die erste Erinnerung jedoch am Donaustrand: Der Priester vom Burgunderhof, Magister Conradus, kämpft in den Wellen ums Überleben und rettet sich schließlich an Land. Die letzte Erinnerung schlägt den Bogen zur ersten: Die Seherinnen im Donauland weissagen den Untergang der Nibelungen, nur ein Priester wird in die Heimat zurückkehren.
Viola Alvarez findet eine sehr spannende, zweigleisige Erzählform. Neben sehr lyrischen so genannten Erinnerungen in Kursivtext steht die mündliche Ich-Erzählung eines Skalden, der erst nach und nach seine Identität preisgibt. Er ist der letzte Nibelungensohn. Und er erzählt auch, warum es wirklich zu dieser Tragödie im Hunnenland kam. Diese außergewöhnliche Wendung sei hier allerdings nicht verraten.
(Edith Rabenstein)
Quelle: Passauer Neue Presse