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»Mordmotiv Liebe«
Viola Alvarez schrieb die Nibelungen-Geschichte neu.
Von Anke Groenewold
Bielefeld. Liebe, Hass, Verrat und Tod – die Geschichte der Nibelungen ist alt. Aber mit ihrer explosiven Mischung menschlicher Leidenschaften auch so zeitlos, dass jede Generation sie neu für sich entdeckt. Auch Viola Alvarez reizte der Stoff: »Was sich lange hält, ist wahr«, sagt sie. Die gebürtige Lipperin hat die Geschichte auf originelle Weise neu erzählt.
»Die Nebel des Morgens« heißt ihr wunderbarer Roman, der soeben bei Lübbe erschienen ist. Untertitel: Verbotene Erinnerungen des letzten Nibelungensohns. Der heißt Bryndt Högnisson und ist das Kind von Brynhild. Sein leiblicher Vater ist freilich nicht Brynhilds Gatte König Gunther, sondern Hagen von Tronje, der düstere, einäugige Berater am Hof der Nibelungen. Auf diesen besonderen Dreh brachte Alvarez eine kurze Passage im Nibelungenlied. Brynhild wird geschmäht, doch ihr Gatte und ihre Schwäger winken müde ab. Nur Hagen ist empört. »Das ist bei mir hängen geblieben«, sagt die 34-Jährige. »Warum macht er das, dieser miese, fiese Kerl, der immer nur meckert und sich für nichts Menschliches interessiert?« Der Grund: Hagen von Tronje liebt die starke Frau, die am Hof an der Einsamkeit und der Brutalität der Männerwelt fast zerbricht. Eine Liebe, die wie die Krimhilds zu Siegfried zu Mord und Untergang führt.
Alvarez’ Buch hebt sich wohltuend ab von der Dutzendware, die unter dem Etikett »historischer Roman« den Buchmarkt überschwemmt. Die neu beleuchtete Nibelungen-Story ist dicht erzählt und sprachlich ausgefeilt. Mit beiläufiger Leichtigkeit erzählt Alvarez vom Leben um 600 – von der Rolle der Frauen, vom Fehlen der Kindheit, von der Reibung zwischen alter Religion und Christentum. Historie und Zeitkolorit sind Alvarez, die schon als Kind von den Kultstätten ihrer lippischen Heimat fasziniert war, wichtig. Das allein mache aber noch keinen guten Roman. »Ein Buch wird erst spannend durch menschliche Zusammenhänge und Konflikte.« Psychologisch präzise beleuchtet Alvarez die Figuren und die Motive ihres Handelns. Vom Nebel des Sagenhaften befreit, werden sie zu Menschen aus Fleisch und Blut, und vieles überrascht: Held Siegfried ist zum Beispiel ein verlogener Angeber. Überhaupt durchzieht das Buch ein leiser, trockener Humor, »den ich durchaus als lippisch bezeichnen würde«, sagt Viola Alvarez. Ein Humor, »der einen erwischt, wenn man schon drei Schritte weg ist«. »Die Nebel des Morgens« ist der dritte Roman Alvarez’.
Ihr erstes Buch war freilich kein Roman. Es heißt »Geheimnisse indianischen Heilens«, und sie schrieb es mit ihrem Mann Peter Alvarez, einem in Chicago geborenen Apachen. Den Autor und Seminarleiter lernte sie in einem italienischen Restaurant in Detmold kennen. »Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick.« Zur Recherche fürs Buch zogen sie in den USA. Seit acht Jahren lebt das Paar bei Köln. Ins Lippische reist Viola Alvarez aber regelmäßig, um ihre Mutter zu besuchen. Neben ihrer literarischen Arbeit pflegt Alvarez ihre Theaterleidenschaft. Für das Kölner Theater »In Bocca al Lupo«, das sie und ihr Mann gegründet haben, schreibt sie die Stücke. Dass sie daneben auch noch Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung gibt, empfindet sie nicht als Spagat: »Mich interessiert in jedem Bereich des Lebens: Warum machen Menschen das, was sie machen.« Und dann hat Viola Alvarez seit 14 Wochen noch zwei kleine Privatprojekte, die viel Zeit in Anspruch nehmen: ihre Zwillinge, ein Junge, ein Mädchen. Die Betreuung der Kinder teilt sie sich mit ihrem Mann. Beide wollen die ersten Lebensjahre der Kleinen so intensiv wie möglich erfahren. »Und wir wollen den Kindern vorleben, dass beide Eltern in Leben und Beruf erfüllt sein können«, sagt Alvarez. Dem historischen Roman will sie vorerst treu bleiben. Sie könne sich vorstellen, in die Neuzeit vorzustoßen. Zeitgeistiges werde man von ihr nicht lesen. »Der junge deutsche Autor ist nicht in mir drin«, sagt sie lachend.
Viola Alvarez, geborene Gehring, kam in Lemgo zur Welt, wuchs in Horn Bad Meinberg auf und ging in Detmold zur Schule. Nach dem Abitur studierte sie in Freiburg Germanistik und Geschichte. Anschließend war sie Regieassistentin beim Theater Triebwerk auf Kampnagel in Hamburg. Mit ihrem Mann Peter Alvarez, Seminarleiter, Autor und Lehrer alter Rituale und Zeremonien, schrieb sie »Geheimnisse indianischen Heilens«. Alvarez’ erster Roman »Das Herz des Königs« erschien 2003 und erzählt »Tristan und Isolde« neu. 2005 folgte »Wer gab dir, Liebe, die Gewalt«, ein Roman über den Dichter Walther von der Vogelweide. (groe)
Quelle: Neue Westfälische, 1.-2. November 2006